Winfried W. Weber ist Professor an der Hochschule Mannheim und forscht und lehrt im Bereich Management, Komplexität und Innovation.
Webers jüngstes Buch Complicate your life zielt bereits auf die Generation der nächstenGesellschaft (Peter Drucker). In dem Weber in diesem Buch dazu auffordert, „sich zu verkomplizieren“, will er dazu beitragen, dass wir uns bewusst werden, wie wichtig wir als Einzelne geworden sind, entgegen aller Behauptungen der Machtzunahme der Systeme und ihrer funktionalen Gesetz-mäßigkeiten. Ein Grundsatz unserer Gesellschaft, zuerst denken, dann handeln, gilt nicht mehr. Das rationale Modell von Aristoteles, Descartes und Newton wird durch das kybernetische Denken abgelöst. Wir orientieren uns nicht mehr nur an durch Rationalität begründetes Expertentum. Jeder von uns kann in der nächsten Gesellschaft zum Experten werden. Wer sich heute nur auf etablierte Experten verlässt, weil er von der Kontingenz des So-seins-es-könnte-aber–auch-anders-sein überwältigt ist, setzt sich Risiken aus und kann viel verlieren (so in der gegenwärtigen Finanzkrise). Karl Weicks Entdeckung, dass wir erst handeln und dann denken, gilt schon für die gesamte Menschheitsgeschichte, nur haben wir das lange nicht mehr verstanden. Die Welt ist so komplex geworden, dass niemand mehr alles überschauen kann. Wenn das Denken an seine Grenzen stößt, wenn uns die Zeit für Analyse und Planung davon läuft, dann hilft nur noch, „lass uns das mal ausprobieren“. Für alle Wissensarbeiter geht es im Komplexitätszeitalter mehr und mehr darum, sich mit dem Portfolio-Working (Charles Handy) anzufreunden, in dem sich Phasen von Angestelltentätigkeit, nebenberuflicher Selbstständigkeit, Vollzeit-Selbstständigkeit und ehrenamtlicher Tätigkeit ablösen oder ergänzen. Die Begriffe und Einstellungen der bisherigen Arbeitswelt veralten. Die Leistungs-fähigkeit in der nächsten Gesellschaft steigt dann, wenn man sich auf auf sich selbst verlässt und selbstbestimmt arbeitet - unabhängig davon ob man zur Stammbelegschaft einer Organisation gehört, Freiberufler ist oder eine Firma gründet. Wer komplex genug handeln will, kann sich an Tom Peters Devise halten: Kimme, Schuss! Korn. Das alte Kimme, Korn. Schuss! war zum Kimme, Korn, Korn, Korn, Korn, ... verkommen. Im Management, bei der eigenen Entscheidung, welchen Beruf man wählt, bei wem man sein Geld anlegt, wie man sein Leben gestaltet, kommt es immer mehr darauf an, sich auf auf sich selbst zu verlassen. Meisterschaft im Umgang mit Komplexität erreichen wir, wenn wir die Expertenschaft für uns selbst übernehmen und ausprobieren. Und je mehr wir uns auf uns selbst verlassen, umso mehr beeinflussen wir mit unserem Verhalten unsere sozialen Netzwerke, unsere Lieferanten, Kunden, die globale Welt.
Webers Forschungsinteresse hat folgende weiteren Schwerpunkte: Webers Interesse gilt seit zwanzig Jahren dem Management und dessen Einfluss auf Innovationen. Dabei stellt sich ebenso die Frage, wer das Management-denken beeinflusst und wie Management-Know-how entsteht. Gemeinhin zielt „Innovation“ auf die Durchsetzung einer technischen oder verfahrensbezogenen Neuerung. Managementinnovation hieße, die Rahmenbedingungen zu ändern, wie Organisationen strukturiert und gemanagt werden. Beispiele für Manage-mentinnovationen wären jeden Mitarbeiter zum Problemlöser zu machen (Toyota), F+E nicht mehr dem Zufall zu überlassen, sondern zu managen (Jack Welch bei General Electric) oder Management als Hackordnung zu beschreiben (Tom Peters über McKinsey). Da Manager als Letztentscheider über die Verteilung der Ressourcen bestimmen, können Produkt- und Verfahrens-innovationen in diesem Sinne Resultate von Managementinnovationen sein. Wenn Management beginnt, sich als Kommunikation zu begreifen, können Innovationen heute entweder von klassischen (inkrementellen) oder von postklassischen (bahnbrechenden) Managementmodellen gesteuert werden. Managementinnovation bezeichnet damit auch den Einfluss, den Manage-mentpraktiker mit innovativen Managementmodellen auf das Management und andere Manager ausüben oder den Managementdenker auf Manager ausüben.
Weber lehrt und forscht an der Hochschule Mannheim in den Bereichen Management, Non-Profit-Management, Entrepreneurship. Auf der Basis der Pionierarbeiten von Peter Drucker für das Management der nächsten Gesellschaft, Niklas Luhmanns System- und Organisationstheorie und Dirk Baeckers soziologischer Managementlehre arbeitet Weber an einer postklassischen Managementlehre. Postklassisch heißt, auf die Kommunikation mit Mitarbeitern, Kunden und der Umwelt zu setzen, in Netzwerken Handlungsspielräume zu erweitern und Konstruktionen an die Stelle der Unentscheidbarkeit zu setzen.
Der dritte Schwerpunkt Webers liegt auf dem Gebiet der Managementdenker. Er untersucht die Frage, wie und von wem heute Führungskräfte und Unternehmer in ihrem Denken und Entscheiden maßgeblich beeinflusst werden. Neue Managementkonzepte entwickeln sich für Weber durch Versuch und Irrtum, aufgrund technologischer und marktbezogener Veränderungen, durch Berater oder eben durch Managementdenker, wie Peter Drucker, Hermann Simon oder Fredmund Malik. Managementdenker tragen für Weber dazu bei, Führungskräfte mit neuen Ideen zu versorgen und Managementtrends zu kommunizieren und zu verdichten. Seit 2002 werden deutschsprachige Führungskräfte in diesem Forschungsprojekt befragt, welche Managementdenker für sie am einfluss-reichsten sind. Die laufenden Ergebnisse werden unter der Website www.managementdenker.com veröffentlicht. In Webers Buch Innovation durch Injunktion (2005) wird die wachsende Bedeutung der Managementdenker damit erklärt, dass Manager sich von den klassischen Konsultanten (Peter Sloterdijk), den Beratern, nach und nach lösen und sich Manager mit dem Phänomen Managementdenker ein neues Kommunikations-system schaffen. Oder anders herum formuliert, in dem wir beobachten, welche Managementdenker bedeutend werden, sehen wir, in welche Richtung sich das Management entwickelt.
Am Kompetenzzentrum Moderne Produktionssysteme der Hochschule Mannheim forscht Weber mit Produktionsexperten und Hochschulkollegen zu ganzheitlichen Produktionssystemen. Auf jährlich stattfindenden Symposien werden die aktuellen Ergebnisse vorgestellt, siehe: http://www.kmp.hs-mannheim.de/