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Hermann Simons Tagebucheintrag vom 11.​09.​2001

Frankfurt, 11. September 2001. "Bei einem Kongress in Frankfurt treten Bundesbankpräsident Ernst Welteke und der frühere US-Außenminister Henry Kissinger als Hauptredner auf. Als Moderator der Tagung kündige ich Kissinger mit einigen kurzen Worten an. Es ist genau 15.​00 Uhr in Frankfurt, in New York also 9.​00 Uhr morgens. Kissinger beginnt seine Rede unter dem Titel „Years of Renewal“ mit der Aussage, dass es niemals einen äußeren Angriff auf „Mainland America“ gegeben haben („Mainland America has never been attacked by an external enemy"). Niemand im Saal ahnt, dass dieses Statement seit genau acht Minuten von der Geschichte überholt wurde. Kissinger schließt seine Rede um 15.​30 Uhr und wir beginnen mit der Diskussion.


Ein Journalist stellt eine sehr kritische Frage. Es entsteht eine leichte Unruhe im Saal. Jemand kommt zu mir aufs Podium und flüstert mir ins Ohr, New York brenne und das Pentagon sei angegriffen worden. Ich gehe zu Kissinger und gebe ihm die Nachricht weiter. Er scheint es nicht zu verstehen, nicht zu glauben, zu unvorstellbar ist das alles. Ich unterbreche die Diskussion. Der kritische Journalist ruft in den Saal hinein, dass sei nur ein Trick, um ihn abzuwürgen (später entschuldigt er sich). Ich frage ins Publikum, ob irgendjemand genaueres wisse. Ein Journalist von Bloomberg meldet sich und berichtet kurz. In der Zwischenzeit haben die Techniker es geschafft, die Tagesschau auf die Leinwand in der Alten Oper zu schalten. Ungläubig sehen wir die Szenen in New York und den Einsturz des World Trade Centers. In solchen Momenten spürt man den Hauch der Geschichte.


Unser Partner Dr. Eckhard Kucher hält sich in Washington auf. Ich versuche, ihn über unser amerikanisches Büro zu erreichen. Doch nichts geht mehr, alle Leitungen sind blockiert. Das Internet ist in dieser Situation die Rettung. Etwa zwei Stunden später erfahren wir per e-mail, dass sowohl in Washington als auch in unserem Büro in Boston – von dort starteten zwei der entführten Flugzeuge – alle Mitarbeiter wohlauf sind. Allerdings bleibt Dr. Kucher über eine Woche in Amerika „gefangen“. Auch das ist eine Folge der Globalisierung. Die internationale Vernetzung bringt die Ereignisse sehr nahe, egal wo sie stattfinden, und schafft unmittelbare Betroffenheit. Wenige Tage später treffe ich in Tokio einen Berater des Nomura Research Institutes. Er berichtet, zwei seiner Kollegen seien im World Trade Center umgekommen. Die Gefahr ist nahe, so fern sie auch scheint.​" Prof. Dr. Hermann Simon, damals Vorsitzender der Geschäftsführung Simon, Kucher & Partners


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