• winfried-weber

Complexify!

„Simplify, simplify, simplify!“ war ein wichtiges Schlagwort der amerikanischen Philosophie des 19. Jahrhunderts. Henry David Thoreau betrachtete die Industrialisierung kritisch und zog sich in eine selbstgebaute Waldhütte am Walden-See bei Concord in Massachusetts zurück. In seinem Hauptwerk Walden schreibt er "Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht leben war, in die Flucht geschlagen wurde." (Henry David Thoreau, Walden oder Leben in den Wäldern, deutsche Übersetzung, 1979 Zürich, S. 98 f) Thoreau ging es dabei, nach eigenen Worten, nicht um Weltflucht, sondern um den Versuch, einen einfachen, alternativen und besinnlichen Lebensstil zu verwirklichen. Simplify-Lebensphilosophien sind schon in der Antike nachzulesen. So führten der Stoiker Dion von Prusa, der die Rückkehr zur Natur predigte oder Diogenes von Sinopes Prinzip der Bedürfnislosigkeit zur Oppositionsstellung gegenüber des zivilisatorischen Fortschritts.

Dieses Grundkonzept wiederholt sich in fast allen heutigen Simplify-Ratgebern. Unter dem Stichwort Simplify finden sich im Buchhandel tausende von Büchern in dutzenden von Sprachen. Die Ursprünge der langanhaltenden Simplify-Welle gehen auf die frühen 1980er Jahre zurück, als die Alternativbewegung versuchte, Lebensqualität neu zu definieren. Wir haben es bei diesem Trend auch mit einer Renaissance der Platonschen Transzendenz zu tun, die von einer Existenz des „Guten an sich“ spricht. Simplify-Ratgeber verstehen sich als praktische Philosophie, als Anleitungen zur Befreiung, als individuellen Gestaltungsprozess in der postmateriellen Welt. Die Ratsuchenden erhalten in diesem Sinne den Rat, sich von der Welt des Materiellen zu lösen und in die Welt des Geistigen und Immateriellen aufzubrechen, darin liege die Reife.

Der blinde Fleck der Simplify-Philosophie ist das Potenzial, das sich aus dem Unaufgeräumten und Zufälligen ergibt. Viele geniale Innovatoren leben zeitweise oder grundsätzlich, übrigens eher aus Sicht der Beobachter in einer augenscheinlichen Unordnung. Wenn Innovatoren von einer Idee besessen sind, spielt das Muster „Aufräumen“ und „Ordnung“ keine Rolle, ja es wäre geradezu zerstörerisch für die Kreativität. In diesen Phasen saugt der Erneuerer alles auf, was passen könnte. Ein Brainstorming schließt nichts aus, es öffnet sich zunächst für alles. Jedes Detail könnte wichtig sein. Was Müll ist und was nicht, kann man bei Innovationen nie wissen. Allzu mechanische Prinzipien des Simplify sind allen Innovatorinnen und Innovatoren suspekt.

Weil Kommunikation immer nach Anschlüssen sucht und Organisationen sich selbst erhalten wollen, tragen simplifizierende Ideologien den Keim des Zerfalls und des Scheiterns in sich. Der Kybernetiker Heinz von Foerster unterschied die Kommunikation trivialer (zuverlässiger) Maschinen, die Simplifizierungen, Kausalitäts- und Linearitäts-Berechnungen erlaubt und die Kommunikation nicht trivialer (unzuverlässiger) Maschinen, also alle höhere Formen des Lebens wie Menschen, Organisationen und soziale Kommunikationssysteme. Wenn man die Beobachtung trivialer Sachverhalte auf die Beobachtung sozialer Systeme überträgt, droht ihr mit dem Filter der simplifizierenden Ideologien, alles Unerwartete nicht wahrnehmen zu können (Heinz von Foerster, Wissen und Gewissen. Versuch einer Brücke. Frankfurt, 1997).

Complexify hieße, sich für Zufälle zu öffnen und sich nicht durch fixe Verhaltensmuster der Gefahr auszusetzen, dass unbewusste Verhaltensregelmäßigkeiten Anpassung verhindern. Complexify könnte aber auch heißen, zwischen Vereinfachung und Verkomplizierung zu oszillieren, denn man hat nicht nur die Möglichkeit, ein bewährtes Muster regelmäßig zu verwenden. Man kann versuchen, verschiedene Muster nebeneinander, nacheinander oder gegeneinander zu realisieren. Man unterbricht Muster und nutzt die Chancen, die sich daraus ergeben, dass andere sich an die Regeln halten. Wie Tom Peters es treffend formuliert, „wer sich an die Regeln hält, hat nicht den Hauch einer Chance“. Aber auch ein Complexify-Ansatz ist letztlich auch nur eine weitere Simplify-Welle auf der nächsthöheren Abstraktionsebene, so stimme ich jetzt schon den kritischen Stimmen zu. Auch in diesem Modell reduzieren wir mit Schlagwörtern Komplexität, allerdings um sie zu erhöhen.

Je komplexer Gesellschaft, Organisation und Arbeitswelt werden desto mehr suchen wir nach einfachen Lösungen. Je mehr wir aber Komplexität reduzieren, umso mehr laufen wir Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Wir wachsen nicht, wenn wir es vorziehen, zu vereinfachen. Kreativität und Erneuerungsfähigkeit resultiert nicht aus Ordnungsliebe sondern aus tiefer Kenntnis mit einem gewissen Hang zur Unordentlichkeit. Innovation erzeugt man nicht durch Routine sondern mit riskanter Durchsetzungsfähigkeit und in dem man sich dem Bewährten verweigert. Wenn heute das Unerwartete zunimmt, reagiert man vorschnell mit Vereinfachungen, sucht nach einem, nach dem besten Weg und vermeidet es geradezu, sich auf das freie Spiel einzulassen. Wenn man sich bei Gefahr wie ein Fuchs in seinen Bau zurückzieht, wenn man versucht, seinen Erfolg abzusichern oder andere für seinen Misserfolg verantwortlich macht, verliert man Spielräume und seinen Schwung.

Complexify heißt für Organisationen, Ziele komplexer auszurichten, schneller zu handeln und nachjustieren zu lernen. Bei allen Routineaufgaben und bei allem was geplant werden kann, besteht die Gefahr, dass man durch schnelle Nachahmer in Reaktionszwang gerät.

Complexify heißt für Fach- und Führungskräfte, immer anspruchsvollere Tätigkeiten zu suchen und sich nicht auf seinen ersten Erfolgen auszuruhen. Complexify heißt, knappe Arbeitskraft zu erzeugen und zu versuchen, für andere interessant zu bleiben. Je einzigartiger und vielfältiger eigene Lösungsansätze sind, desto größer wird die Chance, dass komplexer werdende Kompetenzen nachgefragt werden. Complexify geht auch davon aus, dass man mit diesen wachsenden Kompetenzen zwangläufig in die Rolle der Innovatorin oder Managers gerät. Denn immer dann, wenn man im Vergleich zu anderen ein Mehrfaches an Lösungen anzubieten hat, richten sich die Blicke der Kolleginnen und Kollgen auf einen und fragen, „was sagst Du dazu?“ Dann stecken Sie in der Rolle der Change Manager.

Einfaches, klassisches Managen wird es immer seltener geben, weil Unternehmen in Märkten nur über Kommunikationen bestehen können. Dann kommt das Individuum ins Spiel, das Fähigkeiten im Umgang mit Ungewissheit entwickelt hat. Individuen, die nicht vorschnell vereinfachen, finden immer wieder Lösungen, ohne sich aber sicher zu sein, dass diese Lösungen lange halten. Für Peter Drucker besteht die Aufgabe moderner Wissensarbeiter darin, in ihren Jobs produktiver zu arbeiten. Kevin Kelly hält es für weniger wichtig, seinen Job besser zu machen und schlägt stattdessen vor, immer wieder zu überlegen, welches denn der nächste richtige Job sein könnte. Mit dem Modell Complexify stellen wir die Frage, wie man lernen kann, sich auf sich selbst zu verlassen. Mit Complexify stellen sich Organisationen und ihr Management die Aufgabe, an den Randbereichen eigener Intentionen aufmerksamer zu werden, sich von sich selbst überraschen zu lassen, sich immer wieder auf Flüchtiges, Nicht-Lineares und übersehene Lücken zu konzentrieren. Complexify heißt, offen zu werden für unerwartete Entwicklungen.

(Dieser aktualisierte und erweiterte Text erscheint in Winfried Weber, Die Purpose-Wirtschaft, im Erscheinen, Mannheim, 2022 und beruht auf einer früheren Fassung des Kapitels „Verkomplizieren Sie sich!“, in: Winfried Weber, Complicate your life, Göttingen, 2008, S. 14ff)