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Das nachhaltige Wrooom

Daimler-Chef Zetsche ist sich sicher: „Der Weg zur grünen Mobilität führt nicht über Verzicht, sondern über Innovationen.​“ Daimler hat sich nicht weniger vorgenommen als eine "zweite Erfindung des Automobils", so Dieter Zetsche auf dem Daimler Sustainability Dialogue am 5. November 2008 in Stuttgart. Zetsche setzt am entscheidenden Punkt an. Der Hebel für nachhaltige Mobilität, das kann man weltweit beobachten, muss weiterhin am lustvollen Fahren ansetzen und gleichzeitig auf geringeren Schadstoffausstoß zielen.

Aber welche Unternehmen sind in der Lage, ihre Produkte schnell und radikal auf diese Weise auszurichten? Manche erinnern sich vielleicht noch an den Konkurrenzkampf zwischen Honda und Yamaha in den 1980er Jahren, die das heutige Gedränge am Motorradmarkt vorwegnahmen. Yamaha griff Honda mit dem Aufbau von höheren Produktionskapazitäten an, Honda reagierte mit neuen Modellen. Innerhalb von eineinhalb Jahren verdoppelte Honda seine Produktpalette auf 113 neue Modelle. Yamaha gab sich geschlagen und verkündete öffentlich seine „Kapitulation“ vor Honda. Das Know how für Automobilinnovationen ist vorhanden, aber wie können Innovationen entfacht werden, wie ein Innovationswettbewerb in Gang kommen und wie den Kunden veränderte Fahrzeugkonzepte schmackhaft gemacht werden?

Wenn in Deutschland jeder siebte Arbeitsplatz von der Automobilindustrie abhängt, dann werden die nächsten Jahre spannend. In welche Strategien und Zukunftstechnologien werden die Unternehmen investieren, welche klimapolitischen Entscheidungen werden fallen oder verhindert, wie werden sich die Käufer verhalten und woran ihre Kaufentscheidungen orientieren? Komplexe technische, politische und soziale Fragen kommen beim Individualverkehr auf uns zu. Die momentane Krise dieser Industrie hängt mit der abwartenden Haltung aller Beteiligten zusammen. Dass es nicht mehr so weitergehen kann wie bisher, weiß jedes Kind.

Fangen wir mit den Automobilisten an. Seit den Tagen, als Bertha Benz das erste Automobil von Mannheim nach Pforzheim steuerte, haben wir bei Fahrzeugen ein Bild vor Augen, in dem man mit ein oder zwei Bankreihen quer durch die Landschaft schaukelt. So konnte Bertha in ihrer motorisierten Kutsche ihre beiden Jungs im Blick haben. Man möchte sich auf einer Autofahrt mit dem Beifahrer angeregt unterhalten oder man kann zwischendurch einen Blick auf die schönen Beine der Freundin werfen. Kurz, Bequemlichkeit ist ein wichtiger Schlüssel zum Verständnis aller derzeitigen Automobilkonzepte. Die Kultur der Mobilität, die in Erinnerungen und Alltagsautomatismen verankert ist, lässt sich nur extrem schwer verändern.


Wir wissen von den Physikern und Ingenieuren, dass die Energieeffizienz nur zu einem geringen Teil von der Motortechnik abhängt. Auf sie konzentrierte sich die Entwicklung in den letzten Jahren. Man versuchte, die Verluste bei der Umwandlung von Energie in Antrieb zu verringern. Peter Maskus, der visionäre Entwickler des Acabions, ein fahrdynamisches Ökomobil für die Straßen der Zukunft (siehe brandeins November 2008), setzt an anderen, den entscheidenden, vernachlässigten Faktoren eines energieeffizienten Individualfahrzeugs an: am Luftwiderstand (das Acabion hat einen cw-Wert von 0,​17), an der Form (die möglichst keine bremsenden Luftwirbel erzeugen soll), am Gewicht und am Rollwiderstand. Heraus kommt ein Zukunftsmobil, in dem wir hintereinander sitzen und das in der Form eine Mischung aus Segelflugzeug und Motorrad mit Stützrädern bildet. Können wir Automobilisten tief verankerte Bilder und Bequemlichkeiten aus unseren Köpfen loswerden und uns an ein Gefährt gewöhnen, in dem alle fünf Faktoren effizient umgesetzt werden? Werden wir freiwillig hintereinandersitzend, in optimierten Turbogeschossen über die Autobahnen brausen? Können wir uns vorstellen, dass wir uns mit den Beifahrern per Mikro verständigen, dass die Liebste hinter uns sitzt und uns den Nacken krault? Technikspinnereien! Kein bisschen soziale Innovation, eher ein Rückschritt und daher nicht durchsetzbar.

Veränderungen müssen praktische Akzeptanz finden und am Verhalten, in den Köpfen etwas bewegen. Technikinnovationen im Bereich Mobilität werden auf soziale Innovationen angewiesen sein. Rationales Verhalten ist beim Individualverkehr nicht voraus zu setzen. Das Phänomen Automobil ist darüber hinaus, vor allem bei Männern, libidinös besetzt.

Wo auf der Welt gibt es denn heute die meisten Käufer für Ökofahrzeuge und warum? Interessanterweise in Kalifornien und sicherlich aus mehreren Gründen. Ein wichtiger Grund ist die HOV lane, die high-occupancy vehicle lane, die geschaffen wurde, um Fahrgemeinschaften und neuerdings Ökoautos zu fördern. Wenn in Los Angeles drei oder mehr Personen im Fahrzeug sitzen oder man ein Auto mit einem clean air sticker fährt, darf man die wenig befahrene HOV-Spur benutzen, auf der auch die zulässige Höchstgeschwindigkeit häufig höher ist.

Warum nicht die Regelung aus Los Angeles auf Deutschland übertragen? Klimapoltitik mit wenigen Regeln, die Automobilisten an einer ihrer Leidenschaften, dem schnelleren Fahren, packt und mit der gegenwärtigen Bereitschaft der Kunden, effizientere Fahrzeuge zu kaufen, einen Innovationswettbewerb bei der Industrie freisetzen könnte. In einer ersten Phase würde an ausgewählten Stellen die linke Spur zur Grünen Spur. Genutzt werden darf sie nur von Fahrzeugen mit bestimmten Emissionswerten.

In einer zweiten Phase führt man die Grüne Spur überall überall dort ein, wo die Autobahn/​Stadtautobahn dreispurig ist. Dann senkt man nach einiger Zeit die Höchstgeschwindigkeit für bestehende Altlast-Autos sukzessive auf Tempo 120 oder Tempo 100. Für Fahrzeuge wie das Acabion, das 2,​5 Liter auf 100 Kilometer bei Tempo 200 braucht, den Toyota Prius oder den 3-Liter Audi A1 würde man, wie bisher, die Geschwindigkeit nicht beschränken. Nach und nach könnte man die Grenzwerte für den clean air sticker senken bis auf allen linken Spuren nur noch Ökomobile unterwegs sind, die ein Zehntel der heutigen Emissionen ausstossen.

Wir sollten schlauer sein als die Bewohner der Osterinsel, die bei der Besiedlung vor 800 Jahren innerhalb weniger Jahre alle Bäume abholzten und das Ökosystem für immer veränderten. Die Insel wurde kahl, Bodenerosion setzte ein und die Bevölkerung sank rapide infolge der Ressourcenverschwendung­. Unser derzeitiger Lebensstil produziert knapp Tausend Tonnen CO2 im Laufe eines Menschenlebens. Wir sollten die Fehler der Osterinsel nicht wiederholen und warten bis das Klima kippt.

Regeln, die an die ökologische Vernunft appellieren und Verzicht predigen, funktionieren kaum, zumindest nicht schnell genug. Übrigens auch weil mehr als die Hälfte aller Neuwagen von Firmen gekauft werden und dann von Mitarbeitern gefahren werden, die das Benzin nicht selbst bezahlen müssen. Wenn man die Kaufentscheidungen von Neuwagenkäufern beeinflussen will, muss man am Faktor Zeit ansetzen. Nur wer den clean air sticker hat, darf andere überholen. Einfache Regeln, die auf soziale Innovationen zielen, können Komplexität erzeugen, wo heute noch Einfalt herrscht.


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