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Niklas Luhmanns Vermächtnis

Vor zehn Jahren starb Niklas Luhmann, der Bielefelder Soziologe, der als Jahrhundertfigur in einer Reihe von Denkern wie Kant, Hegel und Freud gesehen werden muss. Luhmann suchte Antworten auf die Fragen, „wie erklärt man Gesellschaft“, „wer sollte sie, wenn es sie gäbe, beobachten können?​“ und „wer wird weshalb aus ihren Teilsystemen ausgeschlossen?​“ Die Resonanz auf sein Lebenswerk scheint heute mehr aus Lateinamerika und Asien zu kommen. Hierzulande interessieren sich allenfalls einige Feuilletonredaktionen und Teile der Kulturszene für dessen Systemtheorie. In Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ist Luhmann noch nicht angekommen. Sein zehnjähriger Todestag am 6. November war mit wenigen Ausnahmen den Medien keine Notiz wert.

Dabei lässt sich zum Beispiel die gegenwärtige Finanzkrise mit den luziden Gedanken Luhmanns leicht erklären. Gibt es ein dominantes „kapitalistisches System“, das durch einzelne Akteure, die von „Gier“ getrieben sind, die Politik oder das Recht determiniert? Gibt es noch eine „demokratische“ oder eine „sozialistische“ Politik, die in der Lage ist, alle Bereiche der Gesellschaft zu dominieren? Für Luhmann besteht die moderne Gesellschaft aus „funktional differenzierten Systemen“ wie Wirtschaft, Recht, Religion, Wissenschaft, Politik usw.​. Alle diese Teilsysteme stehen in einem heterarchischen Verhältnis zueinander, das heißt jedes Teilsystem ist auf die Funktionsweise anderer Teilsysteme angewiesen.

Wirtschaft und Finanzsysteme funktionieren, so Luhmann in „Die Wirtschaft der Gesellschaft“, weil sie Nullsummenspiele sind. Jemand agiert im Wirtschaftssystem, wenn sich Zahlungen vollziehen. Alle Kommunikation zielt darauf ab, ob Leistungen gegen Zahlungen, Zahlungen gegen Leistungen stattfinden. Man rechnet damit, dass jemand etwas genommen werden muss, dass jemand etwas gegeben werden kann. Welche Auswirkungen das ökonomische Handeln auf die Arbeit, das Klima oder andere Bereiche der Gesellschaft hat, spielt innerhalb des Wirtschaftssystems keine Rolle. In der Kommunikation der Wirtschaft finden Arbeitslosigkeit oder Klima keine Anschlüsse, dafür ist die Wirtschaft blind. Wohl aber für Zahlungen oder dass das Risiko besteht, sein Geld nicht mehr wieder zu bekommen. (Er-) Finden Akteure Geschäfte, bei denen alle plötzlich mehr Geld zur Verfügung haben, ohne dass Nutzen und Leistungen entstehen, zum Beispiel durch den massiven Vertrieb hochriskanter und kaum durchschaubarer Finanzprodukte, wird das System instabil. Es kommt zu dem Punkt, dass die Blasen jenseits des Nullsummenspiels zerplatzen. Jeder Anleger weiß im Grunde, dass niedrige Rendite niedriges Risiko und hohe Rendite höheres Risiko heißt. Wer bis zuletzt, trotz monatelanger deutlicher Signale, an risikoreichen Anlagen festhält, muss den Teil verlieren, den die bekommen haben, die bereits ausgestiegen sind.

Da gesellschaftliche Teilsysteme heute hochgradig voneinander abhängen, kann zum Beispiel die Politik diese Entwicklung nicht einfach nur beobachten, ohne zu handeln.


Das System Politik muss versuchen, Regeln zu schaffen oder bestehende Regeln durchzusetzen, so dass das Nullsummenspiel garantiert wird. Wirtschaft braucht Regeln, die die Politik erstellt und durchsetzt. Ohne Vertragssicherheit und ihre Durchsetzbarkeit kann sich kein komplexes Wirtschaftssystem entwickeln. Politik sorgt für kollektive Entscheidungsprozesse und bindet die Akteure an diese Regeln. Wirtschaft sorgt dafür, dass Ressourcen dort eingesetzt werden, wo optimiert werden kann und mehr Nutzen und damit neue Zahlungsfähigkeit entsteht. Beide Teilsysteme sind voneinander abhängig und komplementär aufeinander bezogen. Allerdings ist Wirtschaft heute kein „nationales“ System mehr sondern ein Weltwirtschaftssystem. Und entsprechend muss sich das politische System an einer Weltgesellschaft (Luhmann) orientieren. Im Oktober brachten die hektischen Versuche nationalstaatlicher Lösungen Irlands und Deutschlands, gefährdete Einlagen innerhalb der Landesgrenzen zu garantieren, andere Länder in Schwierigkeiten. Einem ausdifferenzierten Weltwirtschaftssystem stehen nationalstaatlich organisierte politische Systeme gegenüber. Politische Aktionen, neue Regeln oder die Organisation der Durchsetzung bestehender Regeln verlangen nach einer Weltperspektive. Politische Alleingänge werden risikoreich. Nationale oder regionale Entscheidungen über Geldmengen, Einlagengarantien, Leitzinsen oder Steuerquoten lassen sich immer weniger gegen globale Entwicklungen durchsetzen.

In diesem Sinne kann man mit Niklas Luhmann die globale Finanzkrise eher als Lösung denn als Problem einer Weltgesellschaft sehen. In dem weiterhin einzelne Akteure ökonomisch handeln und von Vertrauen umstellen auf nüchterne Zahlungserwartbarkeit, muss das politische System von nationalem auf übernationales Handeln umstellen. Denn nur dann findet die Wirtschaft wieder die Balance und die fein austarierte Interdependenz zu den anderen Teilssystemen der Gesellschaft.

Luhmanns Vermächtnis ist eine Theorie, die die Welt als Ganzes zu erfassen versucht, ohne dabei normativ zu werden. Luhmann geht allerdings davon aus, dass es keinen weltexternen Beobachter gibt, der das könnte. Besser beobachten können wir mit Luhmann, wenn wir uns „de-holisieren“, „entganzen“ und „Komplexität reduzieren“, das heißt, wenn wir Grenzen ziehen und Distanzen schaffen, wenn wir die Welt aus der Perspektive ihrer Teilsysteme betrachten und jeweils die blinden Flecke erkennen. Luhmann beschreibt nicht, was zu tun ist. Seine Theorie ist ein kühles und scharfes Werkzeug zur Beobachtung und Sezierung der modernen Gesellschaft. Der einzelne Mensch taucht darin nicht auf. Wie könnte er es auch, wenn die Teilsysteme ein Eigenleben führen, aus Kommunikationen bestehen und ihn nicht wahrnehmen. Wirtschaft achtet auf Zahlungen, Politik auf die Opposition, Wissenschaft auf die Unwahrheit, Schule auf Noten, Kliniken auf Kranke. Den Entwicklungshelfern in den Slums oder den Lehrern der Bildungsverlierer bleibt nichts übrig, als dies nüchtern zu sehen und zu versuchen den Ausgeschlossenen Wege zu zeigen, wie sie teilnehmen können an den Systemen Wirtschaft oder Bildung.

„Luhmann lesen ist wie Techno hören“, schreibt Thomas Lindemann am 6. November in der Welt, es schade nicht, ein paar Kapitel lang innerlich abzuschalten. Alles wiederhole sich ständig. Ich kann das nur bestätigen. Ich habe Luhmann immer nachts gelesen und bin regelmäßig dabei eingeschlafen. Luhmann zu lesen ist wie Eschers Treppen zu begehen. Man steigt kontinuierlich Stufen an, kommt aber immer wieder zum Ausgangspunkt zurück. Luhmann hat beim Zugang zur komplexen Moderne einen unnachahmlichen Stil entwickelt, der konträr zu allem steht: die Totale statt des Zooms. Extrem leise, keine schwungvollen Auftritte. Wolken von Abstraktionen für Neuleser und immer klarere Sicht für Wiederleser. Luhmann hat die Systeme in der Welt entdeckt, die irgendwann einmal entstanden, sich seither selbst reproduzieren und immer weiter ausdifferenzieren.

Frederic Vester hat einmal ein treffendes Bild für das System Wirtschaft gefunden. Einige ältere Herren schlendern nach ein paar Bierchen über den ausgestorbenen nächtlichen Jahrmarkt. Sie gehen an einem Kettenkarussell vorbei und man kommt auf die Idee, sich noch einen Spaß zu gönnen. Als alle sitzen, stellt man fest, dass einer noch den Startknopf drücken muss. Ein Herr findet die Sicherung, legt den Schalter um und springt noch mit auf. Der Spass beginnt. Allerdings wird es ziemlich kühl in dieser Nacht und einige beginnen bald zu schlottern .​.​. Systeme haben keine Möglichkeit, den Ausschaltknopf zu betätigen. Sie sind Einmalerfindungen, die sich selbst reproduzieren.


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