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Weltfrauentag 2026

  • Writer: winfried-weber
    winfried-weber
  • 11 hours ago
  • 3 min read


Zeit für eine Wende in Politik und Management - Auf der Grundlage von bahnbrechenden Ideen von Mary P. Follett zur Demokratieentwicklung und zum modernen Management

 

Mary Follett, die einflussreiche Demokratieforscherin und für viele Kennerinnen wichtigste Managementvordenkerin hat 1926, vor genau 100 Jahren, eine Rede gehalten mit dem Thema „Einige Methoden zur Steigerung der Effizienz von Führungskräften (some methods of executive efficiency)“, die aktuell bleibt. Wer diesen Text heute liest, könnte meinen, er wäre gerade geschrieben worden.

 

Wer war diese Vordenkerin und weshalb bleibt sie aktuell?


Angenommen, Ihre Chefin würde Ihnen folgenden Vorschlag unterbreiten: ab sofort bestimmen Sie mit, welches Gehalt sie bekommen, in Abstimmung mit Ihrem Team. Wenn es im Team, auch bei anderen Fragen zu Konflikten kommt, dominiert Ihre Chefin das Geschehen nicht. Es geht für sie auch nicht darum, vorschnelle Kompromisse zu finden, sondern alle vielfältigen Argumente zur Sprache zu bringen und eine Lösung zu finden, die alle Positionen zu integrieren versucht. Ihre Chefin mag Menschen, gemeinsame Projekte und liebt vielfältige Persönlichkeiten. Sie sieht Konflikte als Chance, die Organisation zukunftsfähig zu machen und will Sie überzeugen, gemeinsame Leistung als kontinuierlichen Prozess zu verstehen.Vermutlich hat Ihre Chefin viel über Organisationsentwicklung gelesen. Vermutlich ohne Mary Follett zu kennen, die viele dieser innovativen Managementkonzepte im Austausch mit Führungskräften erstmals entwickelt und zu Papier gebracht hat. „Wir erreichen Einheit nur durch Vielfalt. Unterschiede müssen integriert, nicht ausgelöscht, nicht absorbiert werden.“

 

Es ist nur eine leichte Übertreibung, zu behaupten, dass Mary Follett (1868-1933) zu den wenigen Personen in der jüngeren Geschichte zählt, die zwar kaum jemand kennt, ohne deren Denken und Modelle sich aber die moderne soziale Welt kaum erklären lässt. Follett bewegte sich ohne Scheu zwischen den getrennten Bereichen der Gesellschaft, sie beriet die wichtigsten Politiker ihrer Zeit, wie den Präsidenten Franklin Roosevelt, ebenso wie die Aktivisten der Gemeinwesenarbeit in städtischen Einwandererkommunen. Mit ihren bahnbrechenden Ideen fand sie Gehör in der akademischen Welt von u.a. Harvard und gleichwohl einflussreichen Industriellen wie Chester Barnard oder Benjamin Rowntree.

Bei den ersten wegweisenden Rowntree-Konferenzen zu moderneren Führungsansätzen hielt Follett bereits Vorträge. In „Einige Methoden zur Steigerung der Effizienz von Führungskräften“ führte sie vor genau einhundert Jahren, 1926, in das Managementthema „Koordination“ ein. Nach Follett leiden alle Organisationen unter Konflikten. Neben den naheliegenden Konflikten zwischen Management und Beschäftigten gibt es auch Konflikte zwischen unterschiedlichen konkurrierenden Interessen, verschiedenen Abteilungen, Teams und unterschiedlichen Ideen. Diese Konflikte als Chance zu begreifen, sie zu nutzen, um in der Organisation eine gemeinsame Leistung zu erbringen, ist eine der wichtigsten Aufgaben des Managements.


Folletts ursprüngliches Arbeitsgebiet, die Analyse der Strukturen, Prozesse und Schwächen einer noch jungen Demokratie (ihr erstes Buch von 1896 mit dem Titel, „The Speaker of the House of Representatives“), führte sie während ihrer Ratgebertätigkeit zu den Prozessen des Organisierens parallel fort. Sie entwickelte eine Sprache für Entscheider und blieb vernetzt mit Menschen, die anfingen mit Führungsmodellen zu experimentieren und frische Lösungen für innovative und zukunftsfähige Betriebe zu finden.

 

Die moderne Demokratie und das Jahrhundert der Organisationen ist eine Welt, die aus dem Denklabor von Mary Follett entsprungen zu sein scheint: die menschheitsgeschichtlich noch junge Demokratie weiterzuentwickeln, menschliche Arbeitsbeziehungen in einer posthierarchischen und postheroischen Welt neu zu denken, ein laterales Führungsmodell als Führung ohne direkte Weisungsbefugnis zu entwickeln, Konflikte als Chance und nicht als Problem zu sehen, Win-Win-Lösungen anzustreben, Führung als kontingenten Prozess zu sehen, bei dem sich Führende und Geführte gegenseitig beeinflussen. Viele ihrer weiteren Managementinnovationen und Begriffe sind heute teilweise schon fast trivial und scheinen wenig originär zu sein. Aber kaum jemand weiß, auf wen sie zurückgehen.

 

Die Mary-Follett-Welt ist eine Denkwelt, die ganz unwahrscheinlich entstanden ist. Eine Vordenkerin, die etwas sehen konnte, das so prophetisch vermutlich nur eine Frau entwickeln konnte. Eine Frau, die sich fast von Geburt an in einer Welt behaupten musste, die etwas völlig anderes für sie vorgesehen hatte. In einem pietistischen Umfeld mit früh verstorbenem Vater und pflegebedürftiger Mutter, in dem sie aufwuchs, war die Chance damals praktisch null in Harvard und Oxford zu studieren zu können. Es war noch unwahrscheinlicher, sich dann das großformatige Thema Demokratieentwicklung auszusuchen und darüber zu promovieren. Und nur der dann folgende, unwahrscheinlichste Weg über zwei Jahrzehnte als Grenzgängerin, in der praktischen Community Work ganz bodentsändig politische und organisationale Prozesse als Einheit verstehen zu lernen, machte ihr Lebenswerk möglich. Ihr Vermächtnis ist, dass Menschen wie sie, sich die Freiheit erarbeiten können, ihren eigenen Weg zu gehen können. Mary Follett hat sich auf sich selbst verlassen und als praktische Philosophin beeindruckende Spuren hinterlassen. Wir sollten sie nicht in Vergessenheit geraten lassen.

 

 

 
 
 

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