Eilt die unternehmerische Praxis der Gesellschaft voraus?
- winfried-weber

- Apr 28
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Updated: Apr 29

„Die unternehmerische Praxis ist der Wirtschaftstheorie vorausgeeilt. So viele Faktoren fließen in Managemententscheidungen ein, noch bevor das Management daran mitwirkt – wobei dessen Rolle manchmal tatsächlich nur in der offiziellen Verkündung einer Entscheidung besteht –, dass der Begriff der letztendlichen Verantwortung in den heutigen Unternehmensstrukturen an Bedeutung verliert. … Eine Führungsentscheidung ist ein Moment in einem Prozess. Was wir am dringendsten untersuchen müssen, ist die Entstehung einer Entscheidung, die Akkumulation von Verantwortung, und nicht der letzte Schritt.“ oder im Original:
“Business practice has gone ahead of business theory. So much goes to contribute to administrative decisions before the part which the administrative head takes in them, which is indeed sometimes merely the official promulgation of a decision, that the conception of final responsibility is losing its force in the present organisations of business. … An executive decision is a moment in a process. The growth of a decision, the accumulation of responsibility, not the final step, is what we need most to study.” Dieser Text stammt von einer Forscherin, die ihrer Zeit voraus war, um Jahrzehnte, ja um mindestens ein Jahrhundert voraus war. Morgen vor einhundert Jahren hielt Mary P. Follett (1868-1933) eine Rede beim "Bureau of Personnel Administration" in New York, am 29. April 1926 mit dem Titel "The Meaning of Responsibility in Business Management".
Der Zeitgeist und die Sicht auf die Vorstellungen, wie Organisationen geführt werden oder auch zur politischen Führung war noch anders. Folletts Thesen standen in den 1920er und 1930er Jahren, nicht nur in den USA, im Widerspruch zum Mindset von Entscheidungsträgern in Regierungen und Konzernen, die davon ausgingen, dass die richtige Haltung in Konflikten darin bestand, zu gewinnen.
Die Betonung bei Folletts Führungsansatz lag auf Zusammenarbeit, Konflikte konstruktiv zu nutzen und Konsens zu finden. Ihre These, „die unternehmerische Praxis ist der Wirtschaftstheorie vorausgeeilt“, war auch als Aufforderung an das Management zu verstehen, den eigenen Führungsansatz zu verändern, Produktivität, und Gemeinwohlorientierung in Einklang zu bringen, Organisationsstrukturen anzupassen und neue Pfade einzuschlagen. Folletts Ansatz war damals zu radikal und wenig anschlussfähig. Einige Führungskräfte in Politik und Wirtschaft griffen ihre Ideen zwar auf, aber Mary Follett, als aus heutiger Sicht bahnbrechende Vordenkerin, geriet bald in Vergessenheit.
Follett skizzierte in ihren Texten und Reden einen neuen Gesellschaftsentwurf, in der die "Akkumulation von Verantwortung" bedeutete, dass Menschen in Organisationen, auch als Wähler und zivilgesellschaftlich Akteure, in einer sich weiterentwickelnden Demokratie vor neuen Herausforderungen stehen. Sobald Beschäftigte Verantwortung in einer sich ausdifferenzierenden Gesellschaft und ihren Organisationen übernehmen und anderen (auch der Geschäftsführung) erklären müssen, was sie als Verantwortliche eigentlich gerade tun, wie man zusammen ein Problem lösen könnte usw., versagt das klassische Modell des command-and-control.
Hundert Jahre später haben sich Organisationen weiterentwickelt und Folletts Ansätze haben allerorten Eingang in die Führungspraxis gefunden. Ihr Traum ist vielleicht wahr geworden, dass inzwischen viele Organisationen mit den Prinzipien von Selbstorganisation und geteilter Verantwortung, die "Akkumulation von Verantwortung" besser bewältigen können. Und Follett würde uns heute ihre zweite große Lebensfrage stellen, ob eine gelebte Praxis geteilter Verantwortung in einer wachsenden Zahl von Organisation dazu beitragen hat, dass die liberale Gesellschaft dadurch gegenüber autoritären politischen Versuchungen robuster geworden ist, vielleicht zur wichtigsten Bastion gegen eine dunkle Aufklärung geworden ist?
Follett lobte die Nichtlinearität, sie verabscheute alles Autoritäre und den „Command-and-Control“-Führungsstil. Sie bevorzugte stattdessen „integriertere“, kommunikative Formen beim Prozess des Organisierens und der Stärkung der Demokratie. Wir können heute, mit Folletts Optimismus aus dem Jahre 1926 darauf setzen, dass die unternehmerische Praxis das Potential hat, gesellschaftlich „vorauszueilen“.
Faszinierend, dieses Mary Follett déjà-vu.



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