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Eilt die unternehmerische Praxis der Gesellschaft voraus?

  • Writer: winfried-weber
    winfried-weber
  • 3 hours ago
  • 2 min read

„Die unternehmerische Praxis ist der Wirtschaftstheorie vorausgeeilt. So viele Faktoren fließen in Managemententscheidungen ein, noch bevor das Management daran mitwirkt – wobei dessen Rolle manchmal tatsächlich nur in der offiziellen Verkündung einer Entscheidung besteht –, dass der Begriff der letztendlichen Verantwortung in den heutigen Unternehmensstrukturen an Bedeutung verliert. … Eine Führungsentscheidung ist ein Moment in einem Prozess. Was wir am dringendsten untersuchen müssen, ist die Entstehung einer Entscheidung, die Akkumulation von Verantwortung, und nicht der letzte Schritt.“ oder im Original:

“Business practice has gone ahead of business theory. So much goes to contribute to administrative decisions before the part which the administrative head takes in them, which is indeed sometimes merely the official promulgation of a decision, that the conception of final responsibility is losing its force in the present organisations of business. … An executive decision is a moment in a process. The growth of a decision, the accumulation of responsibility, not the final step, is what we need most to study.” Dieser Text stammt von einer Forscherin, die ihrer Zeit voraus war, um Jahrzehnte, ja um mindestens ein Jahrhundert voraus war. Morgen vor einhundert Jahren hielt Mary P. Follett (1868-1933) eine Rede beim "Bureau of Personnel Administration" in New York, am 29. April 1926 mit dem Titel "The Meaning of Responsibility in Business Management".

Die politische Weltanschauung wurde in den 1920er und 1930er Jahren von Männern in Regierungen und Konzernen geprägt, die davon ausgingen, dass der richtige Einsatz von Konflikten darin bestand, zu gewinnen.  Folletts Ansatz war damals zu radikal für Wirtschaft und Politik, ihre Betonung lag auf Zusammenarbeit, Konflikte konstruktiv zu nutzen und Konsens zu finden. Sie geriet in Vergessenheit. Folletts Zeitgenossen dachten anders, ihre Ansätze standen nicht im Einklang mit einer kriegerischen Welt vieler männlicher Autokraten (auch in ihrem Land bei vielfacher US-Beteiligung an bisweilen auch interventionistischen Kriegen von der Mitte des 19. bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts). Follett ist in Vergessenheit geraten.

Ist auch in unserer Zeit die Praxis moderner Managementansätze mit Konsensfindung, Konflikte als konstruktive Quelle, auch für Veränderungen einer liberalen Gesellschaft, der Theorie noch vorausgeeilt? Können purpose-getriebene Organisationen und ihre Führungskräfte auf der Basis von Follett noch dagegenhalten und einen Beitrag dazu leisten, die offene Gesellschaft im Alltag des Wirtschaftens und Organisierens aufrechtzuerhalten? Oder werden sie wie beim aktuellen geopolitischen Backlash auch von autoritären Ansätzen im Management wieder weggefegt? Follett lobte die Nichtlinearität, sie verabscheute alles Autoritäre und den „Command-and-Control“-Führungsstil. Sie bevorzugte stattdessen „integriertere“, demokratische Formen beim Prozess des Organisierens. Hat die unternehmerische Praxis also noch weiterhin die Chance, einer Gesellschaft vorauszueilen, die in Teilen einer dunklen Aufklärung zu verfallen scheint? Oder zugespitzt formuliert, können unternehmerische Praktiken, die „von unten“, als organisationale Graswurzeln agieren, die Chance als Teil einer Bastion gegen autoritäre Versuchungen zu wirken?

Erleben wir ein Mary Follett déjà-vu?

 



 
 
 

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